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Hochverehrtes Publikum

35 Jahre Roncalli - Ein gedanklicher Rückwärtssalto
Betrachtung von Bernhard Paul

WENN MAN ein Jubiläum begeht, dann wird man oft von den Medien gefragt: Wie fing das Ganze an, wie kam es dazu? Ich wurde 1947 im niederösterreichischen Lilienfeld geboren, da dort das nächste Spital in der Gegend der Marktgemeinde Wilhelmsburg war. Aufgewachsen bin ich in Wilhelmsburg. Diesem Ort möchte ich das 35 Jahre Jubiläumsprogramm widmen. In Wilhelmsburg wurde meine Liebe zum Zirkus entzündet. Wie kam es dazu?
BriefkopfWilhelmsburg, 6000 Einwohner, wurde von zwei Fabriken beherrscht, die links und rechts des Zentrums angesiedelt waren. Die eine Fabrik war die Wilhelmsburger Porzellan- und Steingutfabrik, später Lilienporzellan, in der die Eltern meines Vater als Porzellanmaler arbeiteten. Die zweite Fabrik war eine Eisengießerei, die Schmid-Werke. Die beiden Fabriken waren der eigentliche Grund dafür, dass ich jeden Tag um Punkt zwölf Uhr mittags eine Inszenierung sehen durfte – die aber nur ich sah. Um zwölf Uhr begann ein Wettstreit zwischen den Kirchenglocken und den Fabriksirenen beider Fabriken, also mein erstes Stereoerlebnis, denn ich war in der Mitte der beiden. Dieses Mittagskonzert war der Startschuss für ein seltsames Radrennen mit unterschiedlichen Zielen. Aus den Schmid-Werken fuhren hunderte Radfahrer, die von Kopf bis Fuß schwarz waren. Aus der Porzellanfabrik kamen hunderte weiße Radfahrer – auch im Gesicht weiß wie ein Clown. Diese Fahrradpulks vermischten sich im Zentrum und die Fahrer verschwanden in den Häusern, um zu Mittag zu essen. Um ein Uhr heulten die Fabriksirenen erneut, alle Fahrradfahrer kamen wieder aus ihren Häusern, sortierten sich in schwarz und weiß, um dann in ihren Fabriken zu verschwinden. Samstags und sonntags entfiel das Spektakel. Der Hauptplatz wurde beherrscht von Grau und Dunkelgrün. Die Hubertusmäntel und die grauen Anzüge mit grünen Aufschlägen der Bauern und Bürger, die auf den Anfang der heiligen Messe vor der Kirche warteten. Das Leben war also schwarz, weiß, grau und dunkelgrün

Doch eines Tages brachen alle Regenbogenfarben über unser Städtchen herein: ein viel zu großer Wanderzirkus, dem eine Gastspielstadt ausfiel und der notgedrungen in dem eigentlich zu kleinen Wilhelmsburg gastieren musste. Viel zu groß und prächtig und bunt, beherrschte er nun die Stadt. Ich kannte Pferde, aber dass die schwarz und weiß gestreift sein konnten, wusste ich nicht. Ich kannte Kühe, aber dass die auch eineinhalb Meter lange Hörner haben konnten, war mir neu. Elefanten bewunderte ich schon im Kinderbuch, aber in Wirklichkeit wirkten sie nun auf mich wie ein Berg. Ich sah die schönsten Frauen der Welt, mit kastanienroten Haaren und einer Haut wie ich sie ebenmäßiger vorher nie gesehen hatte. Sie waren geschminkt, das kannte ich natürlich nicht. Niemand war in Wilhelmsburg geschminkt, nur die Apothekerin hatte Sonntags einen Lippenstift aufgelegt. Diese schönen Frauen hatten Netzstrümpfe an und machten einen Spagat im Zirkus, genau über mir. So viele Eindrücke, Emotionen und Gefühle ließen mich – besonders nach dem ich die ersten Clowns meines Lebens gesehen hatte – einen Schwur aussprechen: „Ich gehe zum Zirkus“.

Als der Zirkus abfuhr holte mein Vater mich am Ortsrand aus dem Wagen der Kinder des Direktors, mit denen ich mich in der Schule angefreundet hatte, und er war nicht einmal böse. Ich vermutete damals, dass er auch ganz gerne mit so einer Netzstrumpf-Dame mitgereist wäre. Ich habe beim Abschied den Kindern noch versprochen: „Ich komme wieder“.

Nun, ich habe Wort gehalten, wenn es auch mehr als zwanzig Jahre gedauert hat. Mit achtundzwanzig flüchtete ich in die Welt des Zirkus. Vorher befolgte ich den Rat meiner Mutter: „Du musst was Vernünftiges lernen, sonst endest Du beim Zirkus oder unter der Brücke.“

Ich habe aber die ganze Zeit über den Zirkus nicht aus den Augen verloren. Mein Bruder und ich bauten aus dem Holz von Obstkisten, Konservendosenblech und anderen Abfällen wunderschöne Zirkuswagen. Die Räder lieferte ein Besenstiel, über den wir einen schwarzen Gartenschlauch zogen und von dem wir dann Scheiben abschnitten. Mit diesem Zirkus bereisten wir die ganze Welt, aber eigentlich nur vom Schlafzimmer in die Küche. Aus unseren Träumen riss uns dann wieder einmal die Mutter: „Tisch abräumen, ich muss Knödel machen.“ Unsere Wohnung war nämlich nicht viel größer als ein Zirkuswagen. Und nicht nur das Geld war knapp, sondern auch der Platz. Nun, diese Zeit in Wilhelmsburg machte mich phantasievoll, kreativ und manchmal auch sentimental. Ein holländischer Pfarrer, dem ich als Ministrant diente, sagte mir einmal tröstend die prophetischen Worte: „Unter hohem Druck entsteht aus Kohle Diamant“.

Wenn Sie heute im Jubiläumsprogramm des Circus Roncalli schwarze und weiße Pferde im Kreis traben sehen, so sind das schwarze und weiße Radfahrer. Wenn sich ein Radfahrer in die Lüfte erhebt, dann ist es kein Traum, sondern Wirklichkeit. Wenn sich Damen in Netzstrümpfen in die Luft begeben, so ist das kein Zufall. Wenn der dumme August mit dem Weißclown, der so weiß geschminkt ist, wie die weißen Radfahrer damals – wenn die beiden also Teller zerdeppern, so ist das natürlich Lilienporzellan aus Wilhelmsburg. Wenn ein schwarzer Mann sich an der Spitze eines Fabrikschornsteins zusammenfaltet und durch denselben verschwindet, dann will er der Enge der Eisengießerei entfleuchen. Nur die Räder meiner Zirkuswagen sind nicht mehr aus einem Besenstiel und einem Gartenschlauch, denn die EU schreibt richtige Räder vor.

Tatsächlich verdanke ich meine Liebe zum Zirkus dem Umstand, dass der erste Zirkus meines Lebens ein wunderbarer war.

Hochverehrtes Publikum, ich wünsche Ihnen immer und überall wunderbare Zirkusse!

Ihr
Bernhard Paul